Seit dem Aufkommen des sogenannten Rechtspopulismus wurde die Unzufriedenheit zu einem völlig verzerrten Politikum. Die Einen führen allen Frust auf Migration, Asyl oder generell Ausländer zurück, während die Anderen jeden, der meckert, eines bundesdeutschen Besseren belehren will.
Aber gehen wir einen Schritt zurück.
Der kritische Theoretiker
Leo Löwenthal unterschied in seiner Schrift „Falsche Propheten“ zwei Grundtypen von Radikalen:
Den Agitator und den Demagogen.
Während der eine – der Agitator – die Ursachen der Unzufriedenheit zu benennen sucht, um die Betrogenen zu befreien, wollen Demagogen bloß die Vorurteile verstärken – in ihrem groben, missverständlichen Ausdruck. Diese unbestimmte Wut nannte Löwenthal Malaise.
In dieser Malaise spielt Wahrheit nur eine Rolle in ihrer symbolhaften Natur als Anspruch ohne Inhalt. Eine Lüge erscheint redlich, wenn sie direkt und verständlich ist. Einen Demagogen interessiert darum nicht wirklich, ob seine Fans an Verschwörungen glauben, die von Juden ausgehen oder von Satanisten.
Es ist ihm gleichgültig, ob ihm die Herzen zufliegen, weil die Leute saubere Straßen oder Blut auf diesen fließen sehen wollen.
Das einzige, was den Demagogen schert ist, ob die Masse ihm folgt.
Und so nährt er die Malaise, glaubt selbst durchaus an sie – auch wenn es nicht nötig wäre – und exekutiert ihren Wunsch nach Rache.
Der Agitator hat dem gegenüber wenig entgegenzusetzen. Deshalb ist er so unbeliebt.
Die Politik lässt sich daher auf das Spiel des Demagogen ein, gesteht der Malaise zu, im Recht zu sein – nur bitte etwas gesitteter – oder er verdammt sie priesterlich mit aller Unzufriedenheit überhaupt. Dabei nennt sie alles Hass, was kritisch ist.
Dagegen wären die Agitatoren genau das, was wir benötigen.
Unzufriedenheit hat ihren Grund. Nicht bei Überfremdung liegt er allerdings, sondern bei Entfremdung.
Der Liberalismus und die Demokratie waren immer dann erfolgreich, wenn ihr Versprechen von Freiheit glaubhaft war. Ebenso verhält es sich mit Sozialismus und Kommunismus.
Freiheit aber wird nicht mehr versprochen – höchstens einem kleinen Klientel. Wer es dann aber doch tut, dem glaubt man nicht, weil der politische Apparat lange nichts mehr zum besseren verändern konnte.
Auch hierfür gibt es Gründe, ökonomische Zwänge, (inter-)nationaler Wettbewerb, Unsicherheit. Man suchte Frieden mit Diktaturen und bekämpfte, wer noch zu klein zum spielen mit den Großen war.
Die EU wurde institutionalisiert ohne dabei die Demokratie auf eine höhere Stufe zu heben.
Gleiches gilt für die gesamte Welt: Das Kapital gewann an Mobilität, entzog sich dabei mehr und mehr der nationalen Macht, ohne dass dagegen eine internationale Demokratie geschaffen wurde.
Auf die Unsicherheiten und Vereinzelungen reagierten letztlich noch die Religionen. Islamisten und Evangelikale stießen erfolgreich in jene Lücke, die der autoritär gewordene Sozialismus hinterließ – Rebellion wurde theologisch, nationalistisch oder beides.
Ein Agitator also muss all dies wissen, wenn er der Unzufriedenheit zu ihrem Recht verhelfen will. Und er benötigt die richtigen Worte, um zusammenzuführen, wer unter der Entfremdung leidet. Nationale Grenzen erkennt dieser dabei nicht an.
Doch woher sollen die Agitatoren kommen?


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