Die Psychologie des Antijudaismus

Eine Vergleichsthese zu Antijudaismus und Antisemitismus

Derzeit lese ich recht ausführlich die Bibel und bin zu folgendem Schluss gekommen:

Die Psychologie des Antijudaismus ist der des Antisemitismus näher, als bislang betont wird. Mit Moishe Postone und der kritischen Antisemitismusforschung geht man zusammengefasst davon aus, dass im Letzteren die Probleme und Zumutungen eines komplexen Kapitalismus auf die Juden als Verschwörergruppe projiziert werden.

Die Bibel nun, unter Fortsetzung durch das NT, hebt schließlich das Gesetz als Grundlage des religiösen Judentums auf (Erfüllung) und richtet den Blick auf die Gnade Gottes in Person und Opfer Jesu. Dieses hierbei nicht nur für das Volk Israel, sondern für alle Menschen, die sein Wort erreicht.
Damit wird das Gesetz nicht nur relativiert, sondern psychologisch neu codiert – als das, woran der Mensch scheitert und woran er sich wundreibt, als Forderung, die ihn anklagt, ohne ihn zu erlösen.

Während die Gnosis die radikalisierte Variante der Kritik des alten Bundes darstellt (der Demiurg als gänzlich anderer Gott und böse), so ist das orthodoxe Christentum mit dem Neuen Bund gar nicht so weit entfernt, wie die christliche Theologie annimmt:

Das Gesetz und die Freiheit von Sünde wird als die Zumutung betrachtet, die sie ist, wird aber gerettet als Zeichen und Ausdruck der Gläubigkeit – als heiligen Schatten, der nicht mehr trägt, und als Norm, die nicht mehr befreit.
Gerade darin liegt die psychologische Brisanz.
Der Heidenchrist, der leidet, darf seinen Gott nicht schmähen. Er darf das Prinzip der Welt nicht anklagen, ohne seine eigene Heilslogik zu sprengen. So projiziert er all sein erlittenes Unrecht auf den Alten Bund und seine Träger:
Die Juden, die in seinem Bilde die Erlösung verrieten.

Das Abstrakte – Schuld, Mangel, Gericht, Unerfüllbarkeit – erhält ein Gesicht; die Zumutung wird personalisiert. Wo beim modernen Antisemitismus die Abstraktion „Kapital“ in der Figur „Jude“ erscheint, erscheint hier die Abstraktion „Gesetz“ in derselben Figur – nicht als bloßes Gegenmodell, sondern als Sündenbock, an dem sich das Scheitern entladen kann, ohne dass Gott selbst zum Skandal wird. Der Jude wird so zum Träger dessen, was der Heidenchrist an sich selbst nicht erträgt. Es ist dies die bleibende Unreinheit, die Unzulänglichkeit, die Differenz zwischen Anspruch und Leben.

So gerät der Jude für den verdrängt zweifelnden Christenmenschen zur Projektionsfläche eines Ressentiments, das sich religiös legitimiert, gerade weil es sich als Erlösungslogik tarnt.

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