Judentum, Christentum und Islam

Drei monotheistische Antworten auf Wahrheit, Geschichte und Entscheidung

Die drei abrahamitischen Religionen lassen sich nicht sinnvoll als lineare Fortschreibung oder als bloße Varianten eines gemeinsamen Monotheismus begreifen. Sie sind vielmehr unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie Wahrheit, Geschichte und Autorität zueinander vermittelt werden.
Dabei zeigt sich eine grundlegende Asymmetrie: Während das Judentum partikular, geschichtlich und nicht-missionarisch bleibt, entwickeln Christentum und Islam universalistische Systeme, die auf einer autoritären Heilsentscheidung beruhen und strukturell obsessiven Charakter annehmen.

Das Judentum: Monotheismus und Gesetz

Das traditionelle Judentum ist an ein Volk, ein Gesetz und eine konkrete Geschichte gebunden. Wahrheit erscheint hier, vor Allem in der halachischen Prägung, nicht als abstrakte, universell zu akzeptierende Lehre, sondern als gelebte Praxis, als Überlieferung und fortgesetzte Auslegung. Skepsis ist kein Störfaktor, sondern integraler Bestandteil dieser Tradition: Streit, Dissens und Mehrstimmigkeit sind erlaubt, ja notwendig.
Es gibt keine Verpflichtung zur Bekehrung der Welt und keine binäre Entscheidung über das Heil der gesamten Menschheit. Der Wahrheitsanspruch des Judentums ist real, aber partikular; er verzichtet auf Totalisierung. Politische Macht ist hier nicht konstitutiv für die Religion, spätestens seit der Diaspora, sondern stets externer Rahmen, mit dem man historisch umgehen muss.
Und auch als jemand, der sich selbst durchaus dem Universalismus verpflichtet sieht und Traditionen grundsätzlich kritisch gegenübersteht, erscheint mir aus dem vorangegangenen eine grundsätzliche Offenheit – sogar dem eigenen, konstitutiven Gesetz gegenüber – der Wesenskern jüdischen Denkens im Allgemeinen zu sein:
Die Schrift mag zumindest für einen Juden uneingeschränkt gelten, doch von der Haskala bis zur Kabbala ist selbst ihre Bedeutung noch kontingent.

Das Christentum: Universalismus und Leid

Das Christentum entsteht demgegenüber aus einer innerjüdischen Bewegung unter den Bedingungen historischer Katastrophe. Der jüdische Krieg, die Zerstörung des Tempels und die Diaspora bilden den geschichtlichen Horizont, in dem sich das Neue Testament innerhalb des Judentums selbst formiert. Diese Schriften sind weniger neutrale Berichte als theologische Verarbeitungen einer Niederlage, z.T. noch Jahrhunderte nach den eigentlichen Ereignissen selbst.
Der Verlust von Land, Kult und politischer Hoffnung zwingt zur Umdeutung: Heil wird entterritorialisiert, vergeistigt und universalisiert. Nicht das Gesetz führt mehr zur Erlösung, sondern Glaube und Gnade (wenngleich das Gesetz seine ambivalente Stellung durchaus behaupten mag).
Die jüdische Hoffnung wird jedoch nach den genannten Umwälzungen verallgemeinert und in heidnische Begriffe übersetzt – Logos, Seele, kosmische Ordnung – und damit weltkompatibel gemacht.

Dieser Universalismus ist jedoch nicht unschuldig. Um sich als wahre Erfüllung zu behaupten, muss das Christentum sein eigenes Judentum negieren: Der Tempel fiel und das Gesetz gilt als erfüllt. Der Messias ist bereits erschienen und die Welt erwartet seine Wiederkehr. Der Antijudaismus dieser Lehre, selbst noch in seinen jüdischen Wurzeln, ist daher kein späterer Missbrauch, sondern struktureller Bestandteil der Selbstbegründung.
Das Christentum ist demnach jüdisch seinem Material nach, heidnisch seiner Form nach und antijüdisch in der Absicherung seines Wahrheitsanspruchs. Seine Universalität gewinnt es aus der Negation seines Ursprungs. Politische Macht aber kommt dem Christentum erst verspätet zu, erst im Kaiserreich und darüber hinaus, und wird mit der Zwei-Reiche-Lehre zumindest im Westen als konstitutiv der Religion erlebt – die Autorität ist zunächst rein spirituell-theologisch, ist in ihrem missionarischen Eifer aber gerne bereit über die säkulare Strenge zu schlagen, wenn sich die Gelegenheit hierzu bietet – auch über Generationen hinweg und nicht ohne Mäßigung in ihrem moralischen Anspruch.

Der Islam: Einheit und Expansion

Der Islam schließlich stellt einen anderen Typus religiöser Formation dar. Er entsteht nicht aus einer dialektischen Katastrophenverarbeitung, sondern umgekehrt aus dem Bedürfnis nach Ordnung, Einheit und Durchsetzungskraft in einem fragmentierten, vornehmlich polytheistischen religiösen Feld. Judentum und Christentum werden im Koran nicht vermittelt oder aufgehoben, sondern hierarchisch eingeordnet. Mose und Jesus sind wahr – aber vorläufig; Muhammad ist der Abschluss. Einheit ist hier nicht das Ergebnis eines innerreligiösen Ringens, sondern grundlegendes Axiom. Die islamische Theologie ist deshalb unvermittelt: Sie will nicht reflektieren, sondern setzen.

Von Beginn an verbindet der Islam Glaube, Recht und politische Ordnung. Die Umma ist eine normative Totalität, Expansion keine Entgleisung, sondern systemisch angelegt. Politische Macht ist im Islam untrennbar mit der Religion verknüpft: Gesetz, Gemeinschaft, Herrschaft und Heil sind von Beginn an gekoppelt. Antijudaische und antichristliche Momente existieren auch hier, sind jedoch zunächst sekundär: Sie dienen der Grenzziehung, nicht der identitätsstiftenden Selbstobsession. Je nach historischer Phase ist ihnen die Schriftreligion jeder Konfession sogar höchst zulässig – solange sie unter der Schirmherrschaft des letzten Wortes steht.

Die Brüder Jesus und Muhammad

Christentum und Islam verbindet dennoch eine entscheidende Struktur: ein autoritärer Dezisionismus. In beiden Fällen wird Rettung an eine absolute Heilsentscheidung gebunden. Wer dem Propheten oder Messias nicht glaubt, dem drohen ewige Höllenqualen (dieses wird sowohl im NT als auch im Qur‘An mehrfach betont). Zweifel wird moralisiert, Aufschub zur Schuld.
Diese Rhetorik bedeutet einen radikalen Antiskeptizismus. Gleichzeitig und dem entgegen fordern beide Traditionen maximalen Skeptizismus gegenüber allen konkurrierenden Propheten und Lehren. Man soll den falschen Propheten nicht glauben – außer dort, wo es den Gläubigen verboten ist zu zweifeln.

Diese doppelte Forderung erzeugt eine Aporie:
Skepsis ist zugleich zwingend und untersagt. Sie darf nur bis an die Schwelle der eigenen Autorität reichen. Skepsis wird nicht als Erkenntnisprinzip anerkannt, sondern funktionalisiert, um die eigene Wahrheit gegen Alternativen abzuschirmen. Daraus erklärt sich der obsessive Charakter beider missionarischer Religionen. Weil Wahrheit nicht evident ist oder dem reinen Denken unterliegt, sondern gesetzt wird, muss sie ständig wiederholt, verteidigt und durch Drohung abgesichert werden.

Auch das Judentum kennt ähnliche Figurationen, doch in weniger eindeutiger Form. JHWH lässt das Volk für Unglaube leiden, die Geschichten sind voll damit – doch stets nur irdisch. Der Turmbau zu Babel, Sodom und Gomorra, die Sintflut, ebenso die Eroberungen Israels durch den Feind und die resultierenden Zerstreuungen des jüdischen Volkes werden dergestalt interpretiert. Doch eine jenseitige Hölle? – Fehlanzeige. Was die Ewigkeit nach der Erlösung angeht, da hüllen sich die Gelehrten in Schweigen.
Und auch hier gilt: Der Bund ist das Problem der Israeliten und ihres Herrn – und niemandes sonst. Wer würde also schon einen Goj über Gottes Wort erpressen?

Die gemeinsamen Linien der Monotheismen

Und doch gibt es zuweilen Prägungen und Überlegungen, die zugleich allen drei abrahamitischen eine ungleichzeitige Bewegung erlaubt. Denn ist es kein Zufall, dass in der Theologie unabhängig ihrer Schrift intrakonfessionell unterschiedliche und interkonfessionell ähnliche Zugänge zur Frage der Orthodoxie entstehen. Der Weltgeist war nämlich stets geeinter, als es seine Träger waren.

Grob kann man diese Tendenzen in 3-5 Gruppen einsortieren:

1. Die naive Lehre

Was geschrieben steht ist klar und wahr. Das Wort ist unvermittelter Ausdruck von Gottes Wesen und muss demnach wortwörtlich ausgelegt werden. Es ist dies die Religionsauffassung von Kindern und Autokraten.

2. (+1) Die geheime Lehre

Die Mystik (oder dualistische Gnostik) behaupten eine symbolische, magische Natur unter dem Wortsinn. Der Zugang zum Wesen Gottes wird hier verinnerlicht, meist in neuplatonischer Wendung und Vision, Traum und Ekstase erhalten eine rituell-erkenntnisfähige Aufwertung. Assoziation oder bloßes addieren von Buchstabenwerten können die wörtliche Lehre ergänzen und konterkarieren.
Diese Strömungen finden wir zuerst im Judentum als Kabbala und Chassidismus, aber ebenso im Christentum als christliche Mystik und im Islam als Sufismus.
Dabei sind auch diese Systeme mitunter außerordentlich komplex und weniger mit moderner Esoterik gleichzusetzen, als mit einer eigenständigen, religiösen Praxis, die einen durchaus sozio-kulturell prägenden Charakter annehmen konnten.

3. (+1) Die rationale Lehre

Die aufgeklärte Variante (woraus später die historisch-kritische Methode hervorging), die jedoch bereits lange vor der eigentlichen Aufklärung praktiziert wurde, ließe sich in der negativen Theologie umreißen. Gott ist hier ein überweltliches Wesen, dass weder über die wörtliche Auslegung der Schrift, noch über direkte Berührung durch das rituelle Spektakel erfahrbar ist. Die Schrift, so die Philosophie dieses Denkens, bietet lediglich Bilder, Analogien und didaktische Verkürzungen, um etwas Größeres, im Grunde Unvorstellbares zu beschreiben. Auch diese Herangehensweisen lassen sich in allen drei monotheistischen Religionen finden und bieten den möglichen Ausgang aus der Misere der Tradition.

Des Weiteren zeigen sich diese Linien als Trennungen innerhalb und Verbindungen zwischen den einzelnen Religionen, entgegen ihrer traditionellen Identitätslinien.

Fazit

Der Gesamtbefund ist komplex: Das Judentum kennt Wahrheit ohne Universalzwang. Das Christentum entwickelt einen Universalismus aus der Negation seines Ursprungs, politisch erst spät wirksam. Der Islam begründet Einheit durch normative Setzung, politisch von Anfang an untrennbar.
Christentum und Islam behaupten theologisch die Freiheit, sichern sie pädagogisch jedoch durch Angst. Wahrheit wird hier nicht zur Einladung, sondern zur Entscheidung unter asymmetrischen Bedingungen, während doch auch Diskurs zu verschiedenen Zeitpunkten an unterschiedlichsten Orten stets möglich war, wie es das marginalisierte Judentum vorlebte, das selbst doch auch nicht immer und ausschließlich ein Hort der Toleranz war (z.B. im Falle Spinozas oder des Sabbatianismus).

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