Ein zeitgenössischer Beitrag zu einer alten Debatte im Marxismus
Hinweis: Bei der Erstellung des nachfolgenden Textes wurde KI angewandt. Der Inhalt, die Argumente und das Marx-Lesen dagegen stammen alleine vom Autoren.
Die verbreitete Auffassung, Angebot und Nachfrage widerlegten Marx’ Werttheorie, beruht weniger auf einer theoretischen Auseinandersetzung als auf einem Kategorienfehler. Sie setzt stillschweigend voraus, dass Marx Wert als mikroskopische Preisdeterminante verstanden habe. Genau das hat er jedoch nie behauptet. Liest man insbesondere den dritten Band des Kapitals ernsthaft, zeigt sich ein anderes Bild: Marx entwickelt dort keine naive Arbeitswertlehre, sondern eine Theorie gesellschaftlicher Makrostruktur, in der Preise, Konkurrenz und Angebot und Nachfrage notwendige, aber abgeleitete Bewegungsformen sind.
Der Schlüssel liegt im Abstraktionsniveau.
Wert als Realabstraktion und Makrostruktur
Wert ist bei Marx keine Eigenschaft einzelner Waren. Er existiert weder sinnlich noch unmittelbar empirisch. Wert ist eine Realabstraktion: Er entsteht nicht im Kopf, sondern im gesellschaftlichen Prozess der verallgemeinerten Warenproduktion selbst. Erst weil gesellschaftliche Arbeit regelmäßig über den Markt vermittelt wird, abstrahiert sich ihre konkrete Verschiedenheit zu einer gemeinsamen Vergleichsgröße – der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit.
Damit ist Wert von vornherein makroskopisch. Er ist ein emergenter Ordnungszustand der kapitalistischen Totalität, nicht ein Mikrofaktum. Einzelne Waren „haben“ keinen Wert im strengen Sinn; sie partizipieren an einer gesellschaftlichen Wertrelation. Das Wertgesetz ist entsprechend kein Preisgesetz, sondern ein Strukturgesetz: Es beschreibt, wie sich gesellschaftliche Arbeit langfristig verteilt und selektiert wird.
In systemtheoretischer Sprache:
Der Wert fungiert als makroskopische Selektionsregel eines auf Warenproduktion beruhenden Systems.
Preise als mikroskopische Operationen
Preise gehören einer anderen Ebene an. Sie sind lokal, zeitlich instabil, kontingent und ereignishaft. Ein Preis entsteht in einer konkreten Transaktion, unter spezifischen Bedingungen von Angebot, Nachfrage, Erwartungen, Machtverhältnissen und Zufällen. Preise schwanken, oft chaotisch, empfindlich gegenüber kleinsten Änderungen.
Diese Volatilität widerlegt den Wertbegriff nicht – sie ist seine notwendige Erscheinungsform. Preise sind die mikroskopischen Operationen, durch die das Wertgesetz realisiert wird, ohne sich je direkt abzubilden. Der Wert wirkt nicht im einzelnen Preis, sondern in der statistischen Drift der Preise, in ihren langfristigen Attraktoren: Produktionspreise, Durchschnittsprofitraten, Reproduktionsbedingungen.
Oder zugespitzt:
Der Wert bestimmt die Richtung, die Preisbildung den Weg.
Durchschnittsprofit, Konkurrenz und Angebot und Nachfrage
Im dritten Band des Kapitals zeigt Marx, wie sich aus der Konkurrenz der Kapitalien eine allgemeine Durchschnittsprofitrate herausbildet. Kapital wandert dorthin, wo höhere Profite winken, und entzieht sich Bereichen geringerer Rentabilität. Genau dieser Prozess – Kapitalbewegung, Preisschwankung, Ausgleich – ist das, was später als Angebot-und-Nachfrage-Mechanismus naturalisiert wird.
Marx antizipiert diesen Mechanismus, integriert ihn aber in eine tiefere Theorie: Angebot und Nachfrage erklären Bewegungen, nicht Niveaupunkte. Sie erklären, warum Preise schwanken, nicht, warum sie um bestimmte Zentren, den sogenannten Gleichgewichtspreisen, kreisen. Diese Zentren – Produktionspreise, Durchschnittsprofit – sind durch die Verteilung des gesellschaftlichen Mehrwerts bestimmt.
Damit wird klar: Angebot und Nachfrage widerlegen Marx nicht. Sie sind die operative Oberfläche eines tieferliegenden Strukturzusammenhangs.
Das Transformationsproblem als Ebenenproblem
Das sogenannte Transformationsproblem – die Umwandlung von Werten in Produktionspreise – ist kein logischer Fehler, sondern ein Übersetzungsproblem zwischen Systemebenen. Marx transformiert keine einzelnen Warenwerte in Einzelpreise, sondern zeigt, wie der gesellschaftlich produzierte Mehrwert über die Konkurrenz auf die Kapitalien verteilt wird.
Der häufige Vorwurf, Marx habe Werte und Preise inkonsistent vermischt, beruht auf der Erwartung, dass Wert mikroökonomisch gelten müsse. Doch Marx denkt makrosozial. Das Wertgesetz gilt nicht für jede Ware isoliert, sondern für die Totalität der Reproduktion. Preise weichen systematisch von Werten ab – gerade deshalb kann das Wertgesetz wirken.
Empirische Plausibilität des Wertgesetzes
Versteht man das Wertgesetz als makroskopische Selektionsregel, lassen sich keine punktgenauen Marktprognosen ableiten, wohl aber strukturale Vorhersagen, die empirisch über längere Zeiträume prüfbar sind:
1. Stetiges Wachstum der Warenmasse (solange keine Krise):
Kapitalismus ist ein akkumulationsgetriebenes System. Wachstum ist keine Option, sondern Reproduktionsbedingung. Langfristige BIP- und Produktivitätssteigerungen bestätigen das.
2. Relative Entkopplung von Arbeitszeit und Warenproduktion:
Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit pro Ware sinkt. Die Gesamtarbeitszeit steigt nicht proportional zur Warenmenge, kann stagnieren oder sogar zurückgehen. Produktivkraftsteigerung bestätigt diese Tendenz.
3. Tendenzieller Fall der Profitrate:
Trotz Gegenbewegungen, Monopolrenten und Finanzialisierung zeigen langfristige Aggregate eine sinkende Durchschnittsprofitabilität. Einzelne Profite können steigen, während die gesellschaftliche Profitrate unter Druck gerät.
Diese Muster bestätigen das Wertgesetz nicht im strengen falsifikationistischen Sinn – aber sie sind strukturkonform mit ihm. Genau das ist von einer makrotheoretischen, systemischen Theorie zu erwarten.
Wo die Reibung liegt
Der vorgeschlagene Ansatz wirkt meines Erachtens „zu reibungslos“, weil er zwischen disziplinären Erwartungen fällt. Er ist:
a) zu strukturell für die Mikroökonomie,
b) zu materialistisch für die Systemtheorie,
c) zu empirisch für orthodoxe Marx-Exegese,
d) zu marxistisch für die Mainstreamökonomik.
Hinzu kommt ein methodisches Problem: Wert ist nur indirekt beobachtbar. Er muss über Preis-, Produktivitäts- und Profitdaten rekonstruiert werden. Das macht ihn angreifbar, aber nicht unwissenschaftlich. Evolutionstheorie und Klimaforschung operieren ähnlich.
Fazit
Das Wertgesetz ist kein naives Preisgesetz und keine überholte Arbeitswertdoktrin. Es ist die Beschreibung einer makroskopischen Ordnung, die sich in der kapitalistischen Reproduktion notwendig herausbildet. Preise, Konkurrenz, Angebot und Nachfrage sind keine Widerlegungen, sondern die operative Ebene, auf der diese Ordnung realisiert wird.
Kurz gefasst:
Wert ist die makroskopische Selektionsregel,
Preise sind mikroskopische Operationen,
die innerhalb dieser Regel variieren.
Oder noch knapper:
Der Wert erklärt, warum sich das System so bewegt,
Preise erklären, wie es sich konkret bewegt.
Damit ist Marx nicht widerlegt, sondern – gerade im dritten Band – erstaunlich weit fortgeschritten.


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